Unsere Tochter Sabrina, im August 1999 geboren, geht in eine „besondere“ Tagesstruktur. Sie bietet eine „Individualisierte Teilleistungs-Ausbildung“ an und wird eher wie eine Schule geführt.
Unsere Tochter besucht diese Tagesstruktur seit dem 1. Juni 2018 und wir hofften, dass sie die Möglichkeit bekommt, verschiedene Berufe auszuprobieren. Es wird damit geworben, dass die KlientInnen in verschiedenen Förderkursen und internen und externen Volontariaten herausfinden können, was sie gerne machen wollen. Herausfinden, wo ihre Stärken liegen, damit sie eine Idee bekommen, welche Richtung sie anschließend einschlagen möchten.
Nun sind schon zwei Jahre vergangen und Sabrina ist immer noch in der „Trainingsgruppe“, wo es all die Möglichkeiten, die ich oben angeführt habe, noch nicht gibt. Viele Gespräche mit der zuständigen Lehrerin, haben leider zu nichts geführt. Die Noten in den praktischen Fächern werden von Semester zu Semester schlechter. Ich habe oft mit der Betreuerin gemeinsam darüber nachgedacht, woran es liegen könnte, dass Sabrina „nicht zuhört“, wie die Lehrerin es nannte.
Ich habe viele Vorschläge gemacht, Strategien angeboten, Materialen wie MELBA SL, das vom Down-Syndrom Zentrum in Leoben dringend empfohlen wurde, organisiert und gebracht. Ich habe von „Einfach fit und schlau“ erzählt und von den Möglichkeiten, das dieses tolle neuromotorische Gedächtnistraining bietet, da ich die Ausbildung zur „Einfach fit und schlau Trainerin“ in Leoben absolviert habe. Ich habe erzählt, dass Menschen mit DS oft visuell sehr begabt sind und sie in der Kommunikation auch diese Stärke nützen könnte.
Sabrina durfte im Herbst 2019 beim Modul ECDL mitmachen, dem Europäischen Computer Führerschein. Eine wöchentliche Einheit von 14:45 – 16:00 Uhr. Auch hier sagte der Lehrer, dass Sabrina nicht selbständig arbeitet, immer Hilfe benötigt und deswegen auch im nächsten Semester nicht mehr mitmachen darf.
In einem Lehrer-Eltern-Gespräch erwähnte der zuständige Lehrer, dass die KlientInnen um diese Zeit natürlich schon sehr müde seien und dass man da nicht mehr allzu viel erwarten dürfte. Sie wollen die SchülerInnen natürlich nicht überfordern.
Was ich hinter den Worten wahrnehme ist, dass es ihr nicht zugetraut wird, auch um diese Zeit eine ordentliche Arbeit abzuliefern. Das spürt meine Tochter natürlich auch und erfüllt die (negativen) Erwartungen der LehrerInnen.
Ich kenne meine Tochter. Sie kann andere Menschen sehr gut „erkennen“ und weiß genau, wo was möglich ist. So fordert sie, dass der Lehrer kommt und hilft. Weil sie sich so unsicher und hilfsbedürftig zeigt, macht er das auch und sie bekommt eine extra Portion Aufmerksamkeit. … und der Betreuer ist auch wirklich sehr liebenswert und hilfsbereit.
Aber hilft das meiner Tochter?
Ich bin sicher, die meisten der LeserInnen kennen dieses Verhalten und wissen auch, dass man damit auch ganz anders umgehen könnte.
Wenn das zu Hause passiert, gehe ich zu Sabrina und beschreibe meine Beobachtung oder frage, was Sabrina jetzt konkret von mir braucht. Dann nehme ich mir Zeit und bespreche die Aufgabenstellung Schritt für Schritt und gebe eindeutig zu verstehen, dass ich ihr die Aufgabe auch alleine zutraue und erst wieder komme, wenn alles erledigt ist.
Das würde in der Schule auch funktionieren!
Eine weitere Beobachtung der Lehrerin war, dass Sabrina oft sehr müde ist und fast oder ganz einschläft. Die Lehrerin versucht das dann zu verhindern oder erlaubt es nur in der Vormittagspause. Die Frage, warum das so ist, konnten wir nicht klären, da Sabrina während der Woche genug schläft und meist ohne Wecker aufwacht.
Wir sind auch meistens ½ Stunde bevor Sabrina außer Haus geht fertig und dann beginnen wir schon mit unseren „Lernaufgaben“: Lesen, Klappenspiel, Sprachheilübungen, Rätsel lösen oder was sonst gerade anliegt.
Ich fragte mich die ganze Zeit, warum Sabrina in der Schule ein so gänzlich anderes Verhalten an den Tag legt, als in allen anderen Lebenssituationen. Auch in den Schulen davor hatte sie eine gute Arbeitshaltung. Ich wurde unsicher. Vielleicht ist es doch die Pubertät oder ich schätze meine Tochter total falsch ein? Vielleicht schaue ich durch die „rosarote Brille der Mutter“ und beurteile sie „falsch“?
So und dann war der „Corona-Shutdown“ und Sabrina ist für längere Zeit den ganzen Tag zu Hause. Ich hatte das dringende Bedürfnis, diese Zeit für eine allumfassende Förderung zu nützen. Vielleicht die letzte Chance für uns, soviel Zeit miteinander zu verbringen. Auch im Hinblick auf ein späteres Wohnen in einer WG, wo natürlich auch Fähigkeiten und Kenntnisse über Haushaltsführung wichtig sind. Zu diesem Thema habe ich einen eigenen Text geschrieben.
In dieser besonderen Zeit konnte ich mich nochmals vergewissern, dass Sabrina noch immer eine beachtliche Ausdauer und Konzentration an den Tag legt. Mit viel Freude und Energie wiederholt und lernt sie und zeigt keine Spur von Überforderung.
Sabrina hat Anfang Februar ein Volontariat in der VHS (Volkshochschule) gestartet, das ich selbst organisiert habe. Es musste zwar leider, wegen Coroan, Mitte März beendet werden, war aber trotzdem sehr wichtig. Das Setting war, einen Tag in der Woche bei drei verschiedenen Mitarbeiterinnen im Büro und in der Organisation, mitzuarbeiten. Wir sind gemeinsam zum Vorstellungsgespräch gefahren und zum ersten Arbeitstag ist Sabrina schon alleine unterwegs gewesen.
Sabrina war sehr glücklich über diese Herausforderung und hatte viel Freude in der „Arbeit“. Die ganze Woche freute sie sich schon auf diesen Tag in der VHS. Keine Spur von Überforderung. Das Feedback der VHS war sehr positiv. Ein persönliches Feedback neben der detaillierten Rückmeldung zu den Aufgabengebieten war:
„Sabrina hat mit Ausdauer, viel gearbeitet, mit wenig Pausen.
Freundlichkeit, Aufmerksamkeit ist spitze! Vielen Dank für die großartige Unterstützung!“
Am 1. Juli 2020 waren wir wieder in Leoben zu einem Entwicklungsgespräch. Auch hier habe ich meine Unsicherheit über diese unterschiedlichen Sichtweisen, was nun Sabrinas Möglichkeiten sind, angesprochen. Frau Mag. Bernadette Wieser hat Sabrina Aufgaben gegeben, um ihre Ressourcen auszuloten. Auch hier zeigte Sabrina wieder, wie freudig sie neue Herausforderungen annimmt und welches Potential in ihr steckt.
Nun zurück zu unserer „Förderzeit“ zu Hause.
Manchmal war ich am Vormittag nicht da und da sagte ich Sabrina, sie solle die Zeit sinnvoll nützen und sich ein paar Arbeiten aussuchen, die wir sonst auch machten. Als konkrete Aufgabe schrieb ich ihr nur die 7er Malreihe auf. Als ich heim kam zeigte mir Sabrina ihre eigene Checkliste und dass sie schon alles erledigt hatte.
Was könnte es bedeuten, dass die Schule ein so anderes Bild von unserer Tochter hat?
Es gibt den Grundsatz der „self-fulfilling prophecy“ und ich befürchte, dass hier die Ursache liegt. Auf Wikipedia steht darüber:
Eine selbsterfüllende Prophezeiung (engl. self-fulfilling prophecy) ist eine Vorhersage, die ihre Erfüllung selbst bewirkt. Eine Information über eine mögliche Zukunft hat also einen entscheidenden Einfluss und ist die wesentliche Ursache dafür, dass diese Zukunft auch eintritt.
Ein wesentlicher Mechanismus ist: Menschen (oder allgemeiner Akteure) glauben an die Vorhersage. Deswegen agieren sie so, dass sie sich erfüllt. Es kommt zu einer positiven Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten.
Wenn also LehrerInnen, BetreuerInnen, Eltern und andere Personen, die mit unseren Kindern lernen, sie erziehen, betreuen oder auch die Freizeit mit ihnen verbringen, glauben, dass „da nicht viel möglich ist“, dann ist nur genau so viel möglich, wie sich diese Personen vorstellen können. Vieles davon passiert unterbewusst und wenn diese Person den Mechanismus nicht kennt, hat sie leider auch nur sehr wenige Möglichkeiten, das eigene Verhalten zu verändern.
Zusätzlich braucht es auch Offenheit und Interesse für ALLE Fähigkeiten und Stärken, die unsere Kinder haben. Das sind die Punkte, an denen man anknüpfen kann, durch die sich der Erfolg schneller einstellt und wodurch schon eine positive Erwartungshaltung auf allen Seiten da ist.
Meine Frage dazu war: Welche Kenntnisse braucht Sabrina für Ihre Zukunft?
Nun, wie werden wir das umsetzen?
Wir haben mit dem Frühstück begonnen. Da wir zwar meistens ein warmes Frühstück, aber verschiedene Varianten davon, kochen, musste Sabrina zuerst entscheiden, mit welchem Frühstück sie beginnen will. Sie war eine ganze Woche bei jeder Frühstückszubereitung dabei und hat dann entschieden, welches sie selber zubereiten will.
Sie hat sich für die „kalte“ Variante entschieden, Obstsalat mit Kokos- oder Mandeljoghurt und Vollkornbrot mit Aufstrich. Dazu Tee für sie und den Papa und für mich Filterkaffee.
Mir ist im Laufe dieses Lernprozesses erst bewusst geworden, warum Sabrina sonst immer nur mithilft. Es dauert wirklich sehr lange, bis das Obst gewaschen, getrocknet, entkernt und geschnitten ist. Das ganze Frühstück hat über eine Stunde gedauert. Soviel Zeit habe ich im „normalen“ Leben nicht dafür übrig.
Sabrina hilft schon sehr lange mit wenn ich koche und backe. Aber ich suchte immer die leichten Tätigkeiten für sie aus.
• Vielleicht, um ihr die Freude nicht zu verderben?
• Um die Freiwilligkeit nicht aufs Spiel zu setzen?
• Weil ich Ihr diese Anstrengung nicht zumuten will?
Ich habe es nicht oft von ihr eingefordert, in der Küche zu arbeiten, weil sie von sich aus immer wieder gerne mithilft. Wir kochen und backen sehr gerne miteinander. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass dieses Lernen genauso wichtig ist, wie unsere anderen Lernaufgaben. Ich habe nicht bedacht, dass Sabrina noch viel mehr Zeit braucht, diese Tätigkeiten gut einzuüben, damit sie dann irgendwann schneller und selbständiger wird.
Viele kennen dieses Verhalten nur allzu gut. Oft ist es weniger Aufwand, die Dinge selber zu erledigen, als unsere Kinder (auch die ohne Extra-Chromosom) dazu zu bringen, sie zu erledigen. Wenn ich also keine Zeit hatte oder nicht entspannt genug war, dann habe ich es erst gar nicht versucht.
Die Wäsche erledige ich meistens wenn Sabrina nicht zu Hause ist, da hat sie auch nicht viel Erfahrung damit. Aber die Schmutzwäsche muss sie selber in die zuständigen Fächer aufteilen.
Auch den Einkauf erledige ich meistens zwischendurch oder wenn ich sowieso am Weg bin und da ist Sabrina auch nicht dabei.
3. Als dritten Punkt braucht es die Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Damit das gut funktionieren kann, ist es wichtig für die entsprechenden Voraussetzungen im Gehirn zu sorgen. Wer sich dafür interessiert, bekommt viele Informationen bei „Einfach fit und schlau“.
Sabrina und auch ich haben unsere beste „Lernzeit“ gleich nach dem Frühstück. Da muss ich Sabrina nicht aus ihren eigenen Tätigkeiten herausholen und stören. Dieses Zeitfenster ist gut vorhersehbar und planbar. Mein Kopf ist noch nicht gefüllt mit all den Tätigkeiten, die ich noch machen will oder muss. Das ist bei mir eine wichtige Voraussetzung um ganz im Moment sein zu können. Vor der Corona-Zeit haben wir uns am Wochenende dafür circa 1 ½ Stunden Zeit genommen. Jetzt waren es ca. 2 bis 2 ½ Stunden am Stück.
Unser tägliches „Pflicht-Pensum“ besteht aus einer Übung aus dem Bereich Mathematik, Sprachheilstunde, „Sabrina liest vor“ und mindestens einer „Wahlübung“ aus den anderen Bereichen, die unten aufgelistet sind.
Sabrina geht 1x pro Woche zur Sprachheillehrerin. Sie liebt diese Stunden und auch die Übungen macht Sabrina immer sehr, sehr gerne. Unsere Lehrerin ist sehr vielseitig ausgebildet und die Übungen sind sehr unterschiedlich gestaltet. So geht sie auf Sabrinas momentane Verfassung ein und bietet entsprechende Aufgaben an. Es sind Übungen zur Artikulation, Grammatik und Satzstellung genauso wie zum freien Sprechen und Erzählen von kleinen Geschichten. Dazu nützt sie auch Theaterpädagogische Elemente, die Sabrina sehr viel Spaß machen. Es sind z.B. auch Übungen für Vorstellungsgespräche oder sie spielen, sie sind in einem „Verleihbüro“ und wechseln dabei die Rollen.
Wir haben schon lange ein sehr gutes Programm von Life Tool, das am PC läuft und EURO heißt. Es geht dabei um den Umgang mit Geld. Damit kann man sehr lebensnah Einkaufen, Zahlen, Herausgeben und Wechselgeld Berechnen, üben. Man kann den Schwierigkeitsgrad einstellen und unter anderem auch die Malreihen damit üben.
Ein Beispiel dafür ist: Eine Blume kostet 5,- Euro, du kaufst 6 Blumen ein, wieviel musst du zahlen?
Dabei habe ich gemerkt, dass die Malreihen, die Sabrina seit zwei Jahren nicht mehr geübt hat, sehr schnell wieder abrufbar waren.
Aber auch das Rechnen mit richtigem Geld üben wir praxisnah, zum Beispiel indem wir eigene Rechnungen hernehmen und Sabrina legt dann die Münzen und Scheine jeder einzelnen Position auf den Tisch. Am Schluss rechnet sie das gesamte Geld zusammen und dann kann sie kontrollieren, ob die Summe richtig ist.
Klappenspiel nennen wir das Würfelspiel „Shut the Box“ für den Zahlenraum 12. Es dient vor allem dazu, die kleinen Rechnungen, die man im Alltag oft braucht, zu automatisieren und zu beschleunigen.
Schriftliches Addieren untereinander
Schriftliches Subtrahieren untereinander
Wahlübungen:
Dazwischen machten wir manchmal kurze Pausen zum Trampolinspringen im Garten, oder schnappten kurz frische Luft.
Diese Tätigkeiten machten wir meistens nach dem Mittagessen oder am Nachmittag:
Welche Voraussetzungen braucht es, damit Sabrinas Bereitschaft, für dieses intensive Lernen überhaupt da ist?
Bei „Einfach fit und schlau“ gibt es so etwas wie einen Leitsatz fürs Lernen und zwar die vier B’s: Blickkontakt, Bedeutung, Begeisterung, Beziehung.
Und darüber hinaus spürt Sabrina auch, wenn ich innerlich eigentlich ganz was anderes machen möchte (sollte). Es ist also auch mentales Training für mich, damit wir diese gemeinsamen Stunden freudvoll erleben können.
Was hat Sabrina davon?
Selbstwirksam sein, sich selber einbringen, das brauchen schon ganz junge Kinder. Noch wichtiger ist das bei Jugendlichen und Erwachsenen. Deshalb schaffe ich einen Rahmen dafür, in dem Entscheidungen selbst getroffen werden können.
So haben wir das umgesetzt:
Gemeinsam planen und abwechselnd entscheiden, was gemacht und gelernt wird. Zum Beispiel welchen Weg wir beim Spazierengehen aussuchen, was kochen wir, welche Mathematik-Übungen machen wir heute, welche Sprachheil-Übungen usw. Der Rahmen kam von mir und war im Großen und Ganzen immer gleich und wurde auch nicht in Frage gestellt. Auch Fehlentscheidungen dürfen passieren und daraus lernt man am meisten. Bei starkem Wind den Weg über die Felder zu gehen, ist zum Beispiel nicht sehr angenehm.
Was hilft noch, um gesund und leistungsfähig zu bleiben, für alle Menschen jeden Alters?
Gesunde Ernährung und Intervallfasten, nicht um abzunehmen, sondern um das Gehirn fit zu halten.
Was waren in dieser besonderen Zeit meine größten Herausforderungen?
Nun haben Sie einen Überblick über die ersten Wochen bis Anfang Mai. Ich kann mir nur deshalb so viel Zeit für Sabrina nehmen, weil ich selbständig bin und ein Teil meiner normalen Tätigkeit durch Corona nicht stattfinden konnte. Es war auch für mich eine große Herausforderung, so viel meines „eigenen Lebens“ aufzugeben, da ich mit meinem Leben vor Corona schon sehr ausgelastet war und ich all meine Tätigkeiten auch sehr gerne mache.
Nun ist schon Juli und unser Alltag normalisiert sich langsam. Sabrina geht wieder täglich in die Schule und ich habe wieder mehr Möglichkeiten, mir mein Leben selbst einzuteilen.
Im Laufe der Zeit merke ich aber, dass ich schon wieder auf das „Sabrina kocht alleine“ vergesse, dass ich viele Hausarbeiten wieder automatisch selbst erledige und auch die regelmäßigen Spaziergänge nicht mehr täglich stattfinden. Und wieder ist es so, dass ich die kognitiven Tätigkeiten weiterführe und eher die anderen „vergesse“. Ja, es ist nicht so leicht, aus der eigenen Haut heraus zu schlüpfen …