Ich möchte schon lange einen Artikel über unsere Art, mit Sabrina und dem Down-Syndrom umzugehen schreiben, aber bevor ich noch so weit war, hat sich schon wieder alles verändert, bzw. kam ein neuer Schwerpunkt in unser Leben. Der erste Grund mich mitzuteilen war, dass ich ausgebildete Kleinkind-Pädagogin nach Emmi Pikler bin, und dadurch eine sehr distanzierte Haltung zur „motorischen Förderung“ habe. Doch durch eine sehr ausgeprägte Fütterungsstörung von Sabrina, sie hat seit über 2 Jahren eine Nasensonde zur Ernährung, war jetzt für uns lange Zeit fast nur dieses Thema von Bedeutung. Sabrina isst schon recht viel und wir hoffen, die Sonde in einigen Wochen endgültig los zu werden, also habe ich wieder den Kopf frei für die „normalen“ Dinge des Lebens.
Als ich vor kurzem auf der tollen Homepage von Down-Syndrom Österreich war und einen Artikel über die Rumpfstabilität, bzw. mangelnde Rumpfstabilität las, da war es dann höchste Zeit für mich, diese Zeilen zu schreiben. Also möchte ich jetzt der Reihe nach beginnen.
Sabrina ist im August 99 geboren, organisch gesund und hat einen großen Bruder, Sebastian geboren im Mai 96. Ich beschäftigte mich schon vor Sebastians Geburt mit der Pikler Pädagogik und wir haben Sebastian auch entsprechend aufwachsen lassen. Ich möchte jetzt kurz die Hauptpfeiler der Pikler-Pädagogik beschreiben, damit Sie liebe Leser, verstehen können, wovon ich spreche.
Emmi Pikler wurde 1902 in Wien geboren und verbrachte da ihre frühe Kindheit. Ihre Mutter war eine Wienerin und ihr Vater ein ungarischer Handwerker. 1908 zogen ihre Eltern nach Budapest. Ihr Medizinstudium führte sie dann wieder nach Wien zurück.
Bei Ihrem Studium vermutete Emmi Pikler schon, dass die freie Bewegungsmöglichkeit nicht nur für Kinder eine Rolle spielt die schon laufen können sondern auch für Säuglinge. Sie war überzeugt, dass man Babys die Schritte der Bewegungsentwicklung, wie Sitzen, Stehen usw. nicht zeigen, sondern ihnen nur eine Umgebung schaffen muss, in der sie sich die einzelnen Stufen sogar adäquater und optimaler selbst „Erarbeiten“ können.
Als 1931 ihre Tochter zur Welt kam “probierten“ sie an ihr die selbstständige Bewegungsentwicklung aus. Als die Familie 1932 nach Budapest zog, arbeitete Emmi Pikler als Kinderärztin in Familien wo sie aus den Erfahrungen mit ihrer Tochter bereits wusste, das ein Kind nicht zur Bewegung und zum Spiel angeregt werden musste hingegen aber jedes Detail in der Umgebung des Kindes wichtig ist.
Nach den 10 Jahren als Familienärztin kümmerte sie sich um verlassene und unterernährte Kinder und gründete 1946 das Säuglingsheim Loczy, das sie bis 1979 leitete. Es wurde unter ihrer Führung durch seine Ergebnisse bei der Verhütung des Hospitalismus sowie durch die Herausgabe von Fachbüchern und wissenschaftlichen Veröffentlichengen in ganz Europa bekannt.
Die Pikler-Pädagogik stützt sich kurz gesagt auf drei Grundpfeiler welche die
Freie Bewegungsentwicklung
Die Qualität der Pflege und
Das freie Spiel
sind.
Bei der freien Bewegungsentwicklung, geht es darum dem Kind eine entsprechende Umgebung zur Verfügung zu stellen, damit es sich aus sich heraus entwickeln kann.
Das Kind lernt im Laufe seiner Bewegungsentwicklung nicht nur sich selber auf die Seite und auf den Bauch zu drehen, nicht nur rollen, kriechen, sitzen und stehen und gehen, sondern es lernt auch das Lernen. Es lernt sich selbstständig mit etwas zu beschäftigen, an etwas Interesse zu finden, zu probieren und experimentieren. Es lernt Schwierigkeiten zu überwinden.
Wie soll das funktionieren?
Das Kind wird immer auf den Rücken gelegt, weil wir davon ausgehen, dass das die Grundposition ist. In der Rückenlage haben Neugeborene die meiste Bewegungsfreiheit und die beste Sicht, und können auf diese Art beginnen die ganzen Körper zu kräftigen. Irgendwann dreht es sich auf die Seite und dann braucht das Kind einen größeren, sicheren Platz, am besten am Boden und auf einer harten Unterlage und die nächsten Schritte kommen ganz von selbst. Wichtig ist dabei dem Kind wirklich genug Zeit zu geben und dem Kind bei der Bewegung nicht zu helfen. Es geht nicht darum wann ein Kind sitzen lernt, dass ist in ein paar Jahren nicht mehr von Bedeutung. Es geht um die Qualität des Sitzens die einen ein Leben lang begleitet.
Der zweite Punkt ist „die Qualität der Pflege“, d.h. wir wickeln das Kind nicht schnell damit wir dann vielleicht Zeit zum Spielen haben, sondern ganz im Gegenteil, wir nehmen uns Zeit gemeinsam mit dem Baby die Pflege zu genießen. Jeder Mensch der gepflegt werden muss weil er es selbst nicht kann, hat ein Recht darauf sich in der Pflege wohl zu fühlen. Es ist wichtig dass wir das Kind bei der Pflege NICHT wie ein Objekt behandeln, sondern in Beziehung zu ihm treten. Wir kündigen alles was wir mit dem Kind machen VORHER an, geben genug Zeit damit das Kind verstehen kann und dann führen wir erst die Handlung durch. Dieser Prozess beginnt schon bei den Neugeborenen, denn Emmi Pikler hat erkannt das Babys schon vom 1. Tag an verständig sind, also den Worten wirklich zugänglich sind. Während so einer Pflegezeit, also Wickeln, Stillen oder Füttern, An- und Ausziehen und Baden kann sich das Kind emotional sättigen und ist dann gerne bereit eine Zeit für sich selbst zu sein.
Und das bringt mich zum dritten Punkt der Pikler-Pädagogik, „das Freie Spiel“. Kinder die sich wohl fühlen, die keine unerfüllten Bedürfnisse haben, die sich die Spannungen immer wieder „wegweinen“ dürfen, können und wollen auch immer wieder Zeiten haben in denen sie alleine spielen. Da geht es dann natürlich auch um die richtigen Spielsachen und die richtige Umgebung. Beim freien Spiel bestimmt das Kind was es wie lange machen möchte und wird nicht durch einen Erwachsenen angeleitet. Das hat auch den Vorteil dass die Selbstregulation des Kindes möglich ist.
Ich habe Ihnen nun die Grundzüge der Pikler-Pädagogik kurz dargestellt. Für mich ist deshalb ganz klar dass jedes Kind für die Erreichung der motorischen Meilensteine so lange brauchen darf wie es halt braucht. Wenn das Kind sein eigenes Tempo gehen kann, dann wird es sich eben erst aufsetzen, wenn die ganze Muskulatur genügend gekräftigt ist. Und jetzt komme ich wieder auf den Artikel auf der DS-Homepage zurück. Wenn ein Kind zu schnell in eine noch nicht ausreichend vorbereitete Position gebracht wird, dann hat das eben leider einige Nebenwirkungen, wie in dem Artikel beschrieben. Viele Kinder setzen sich deshalb in den Schneidersitz, weil sie da stabiler sind, das wiederum ist aber für die Bänder nicht gut und man sucht Notlösungen um die falsche Sitzhaltung zu korrigieren. Viele Kinder und nicht nur solche mit DS sitzen mit einem „runden Rücken“, weil die meisten Kinder hingesetzt werden bevor sie es von sich aus können. Die Muskulatur war aber nicht dafür vorbereitet und dieser runde Rücken bleibt den meisten Menschen ein Leben lang erhalten.
Unsere Sabrina hatte keine Physiotherapie sondern nur die freie Bewegungsentwicklung der Pikler-Pädagogik und sie hat sich das Sitzen erst mit ca.28 Monaten selbst gelernt. Sie saß von Anfang an mit geradem Rücken und ausschließlich im Langsitz, da sie ihren Körper selber so lange trainiert hat, bis es ihr eben möglich war zu sitzen. Sie kennt es auch nicht, dass wir ihr in ihrer motorischen Entwicklung helfen. Wir geben ihr aber eine Umgebung wo sie sich die notwendigen Bewegungsabläufe selber beibringen kann. Das ist z.B. eine harter Polster für den Anfang um darüber robben oder kriechen zu lernen, später eine Krabbelkiste aus Holz um das auf und ab das man auch für Stiegen braucht, zu üben. Unsere Geduld wird zwar auf eine harte Probe gestellt und ich verstehe dass das auch nicht jeder aushalten kann, aber wir werden wirklich belohnt dafür. Unsere Cranio Sacrale Osteopathin, sie ist auch Physiotherapeutin meinte von Anfang an, sie ist wirklich knackig, also hat einen guten Muskeltonus.
Natürlich können wir diesen Weg nicht alleine gehen.
Wir gehen regelmäßig zu einer Entwicklungskontrolle um sicher zu sein, dass sich Sabrina zwar langsam aber gut entwickelt und ich habe auch viel Unterstützung aus der Pikler-Pädagogik.
Sabrina und ich waren von Anfang an in einem „Spielraum für Bewegung“ nach der Pädagogik von Emmi Pikler, in dem die Pikler’schen Ansätze vermittelt werden. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und auch immer wieder gute Rückmeldungen über Sabrina’s motorische Entwicklung bekommen. Mittlerweilen leite ich eigene „Spielräume“ und bin sehr froh auch für mich eine so erfüllende Beschäftigung gefunden zu haben. Auch die Leiterin des Säuglingsheims in Budapest Anna Tardos, (die Tochter von Emmi Pikler) kenne ich nun mittlerweilen persönlich. Es gibt in dem Heim immer wieder Kinder mit Down-Syndrom und sie haben auf diesem Gebiet auch schon viel Erfahrung. Diese Begegnungen geben uns die Sicherheit das „für uns richtige“ zu tun.
Sabrina, die auch durch die Fütterungsstörung mindestens ½ Jahr „verloren“ hat, ist wirklich sehr langsam in ihrer Entwicklung, aber sie ist glücklich, selbstbewusst und sie hat strahlende Augen. Ich hab sie noch nie zum Spielen motivieren müssen, denn sie weiß selber ganz genau was sie möchte. Sie kann sich sehr lange Zeit selbst beschäftigen, möchte vieles selber machen und versucht eben so gut es geht uns zu imitieren.
Die verschiedensten Therapien haben sicher alle eine Berechtigung, und ich bin sicher dass viele Kinder davon profitieren. Ich bin aber eben kritisch eingestellt, was nicht heißt ablehnend. Ich überlege mir schon, was kann mein Kind durch die Therapie mehr erreichen als ohne.
In unserem Fall sehe ich keinen Gewinn außer dem Zeitfaktor. Aber jeder von uns weiß doch das Kinder mit Down-Syndrom mehr Zeit brauchen, warum sollte ich also Sabrina nicht einfach mehr Zeit geben? Warum sollte ich ihre Entwicklung beschleunigen, wenn man doch weiß wie wichtig gerade diese Grundlagen für das ganze Leben sind?
Manche Kinder können auch das Gefühl haben das sie nicht richtig sind, fühlen sich nicht bestätigt und angenommen wenn man sie immer ein bisschen weiter haben will, als sie gerade sind, und das gilt auch für nicht behinderte Kinder.
Ein Punkt ist auch noch wichtig für mich. Wenn ich oder ein Therapeut immer meinem Kind zeigt wie es geht, wie kann ich dann Eigeninitiative und Motivation erwarten. Das Kind hat doch gelernt das es da jemanden gibt der weiß wie es geht und der weiß was zu tun ist, und diese Erkenntnis gilt auch für nicht behinderte Kinder.
Jetzt, 2 Jahre nach dem ich den Artikel geschrieben habe, er aber noch in meiner Schreibtischlade war, möchte ich noch ein bisschen von Sabrinas weiterer motorischen Entwicklung erzählen:
Sabrina hat sich mit 5 ½ Monaten das erste Mal auf den Bauch gedreht, sogar früher als Sebastian. Dann hat sie viele Monate den höchsten Flieger gemacht, denn ich je gesehen habe. (In der Bauchlage Kopf Arme und Beine in die Höhe strecken.) Mit ca. 7 Monaten ist Sabrina mobil geworden mit rollen, am Bauch rückwärts schieben und bald auch schon nach vorne. In dieser Zeit konnte sie den Oberkörper schon sehr weit aufrichten. Dann kam mit 16 Monaten das Abstillen da Sabrina bis zu diesem Zeitpunkt nicht bereit war etwas anderes außer dem Busen zu akzeptieren. Das waren wir dann mitten in der Fütterungsstörung die eben mit der Nasensonde endete als sie 20 Monate war. Zu dieser Zeit war sie voll mit den körperlichen Funktionen bzw. mit dem Wiedererlangen eines normalen Gewichtes bzw. der Kräfte beschäftigt. Mit 27 Monaten hat Sabrina begonnen die Stiegen zu Hause hinauf zu klettern. Kurz darauf begann sie mit dem Krabbeln und hat sich auch selber aufgesetzt. Einen Monat später hat Sabrina begonnen sich aufzuziehen und hat dann alle Gelegenheiten genützt um zum Stehen zu kommen. Mit ca. 3 Jahren hat sich Sabrina auch bei glatten Flächen aufstellen können und hat Seitschritte gemacht. Sabrina hat ab dem 27. Mai 2003, mit 3 ¾ Jahren wieder von sich aus, selber gegessen und das „Sonden-Zeitalter“ war vorbei. Sie ist ein fröhliches, selbstbewusstes Mädchen und liebt große Menschenansammlungen, besonders Kinder und hat da überhaupt keine Berührungsängste. Das bringt mich zum Kindergarten.
Ich habe Sabrina gleich nach Ihrer Geburt im gleichen privaten Kindergarten angemeldet in dem auch mein Sohn war und trotz des dreifachen Leiterinnen Wechsels wurde diese Zusage immer beibehalten. Eigentlich wollte ich Sabrina erst wenn sie gehen kann in den Kindergarten geben, aber nach dem sie auch an ihrem 4. Geburtstag im August 2003 noch nicht frei gehen konnte haben wir gemeinsam mit den Kindergarten-Pädagoginnen beschlossen, es trotzdem zu wagen. Sabrina hat zu diesem Zeitpunkt immer wieder große Gegenstände gehend geschoben, einen Puppenwagen der schlecht rollte gehend geschoben, aber es war ganz klar zu sehen, dass das Gleichgewichtssystem einfach noch nicht so weit war. Gemäß unseren Vorstellungen sagten wir uns: „Das eigene Gleichgewicht kann jeder nur selber finden, es wird ihr nichts nützen wenn wir sie an 2 Fingern durch die Gegend ziehen, außer, dass sie von uns abhängig wird“.
Das Experiment Kindergarten ist sehr gut geglückt, sie geht jeden Tag mit großer Freude dort hin, hat wunderbare Fortschritte gemacht und ist in der Gruppe auch sehr beliebt. Im Februar 2004 hat Sabrina dann ihren ersten freien Schritt gemacht und hat sich selber glaube ich am meisten gefreut darüber. Sie hat immer gesagt: „Mama geh, Mama geh!“ Das Gehen war dann lange Zeit ein Spiel wie viele andere auch, sie ist aufgestanden, ist von A nach B gegangen und wieder zurück so lange sie Lust dazu hatte und ansonsten ist sie alles gekrabbelt. Erst Juni bis Juli 2004 hat sie mit dem Krabbeln aufgehört. An ihrem 5. Geburtstag konnte sie schon sehr sicher gehen und jetzt ein Jahr später bzw. seit dem Winter marschiert sie ganz ordentliche Strecken. Im Kindergarten gibt es einen Waldtag in der Woche, da fahren die Kinder mit dem Bus in die Lobau und verbringen dort den Vormittag und da macht Sie auch mit großer Begeisterung mit. Sabrina wird im August 6 Jahre, wird aber noch ein weiteres Jahr im Kindergarten verbringen
Ich hoffe liebe Leser Ihr versteht mich richtig, ich möchte weder den erhobenen Zeigefinger symbolisieren noch jemanden beurteilen und werten in seinem Tun. Ich wollte Sie an unseren Weg und an unseren Gedanken teilhaben lassen.
Elisabeth Salmhofer