Emmi Pikler hat entdeckt, dass schon Neugeborene Worte verstehen können. Sie fühlen sich durch die begleitende Sprache sicher und orientiert. Das trifft genauso und besonders für Kinder mit Down-Syndrom zu.
Wenn das Baby gewickelt wird, kann ich schon beim aus der Wiege heben damit beginnen. Bevor ich das Baby hoch hebe, nehme ich Blickkontakt auf, spreche es mit seinem Namen an und warte auf die Reaktion. Am Anfang ist noch keine Reaktion sichtbar, aber bald schon weiß das Kind, was mit ihm passieren wird, wenn es auf diese Weise geholt wird.
Dann hebe ich das Baby vorsichtig und behutsam hoch und bringe es zum Wickeltisch. Auch hier wird jeder Handgriff, den ich beim Baby mache, mit Worten angekündigt! Bevor ich z.B. die Haarbürste verwenden, zeige ich die Bürste und sage: „Jetzt werde ich Dich mit der Bürste frisieren!“ Wenn diese Sätze immer wieder kommen, dann weiß das Kind schon bald, wie diese Pflegehandlung abläuft und das gibt dem Kind ganz viel Sicherheit und Orientierung.
Wenn das Baby dabei Gefühlsäußerungen zeigt, dann kann ich auch diese benennen. Wenn das es zu weinen beginnt, weil ich vielleicht ein kaltes Feuchttuch genommen habe, anstatt eines warmen Waschlappens, dann kann ich zum Baby sagen: „Oje, jetzt bist Du erschrocken weil es so kalt war. Ich weiß, dass magst Du nicht, aber …“. Oder wenn der Säugling beim eincremen lacht, dann weiß die Mutter vielleicht, dass es das sehr gerne mag und dann kann ich das beschreiben.
Das Kind bemerkt früher oder später, dass die Worte der Erwachsenen mit ihm zu tun haben. Es wird mit „Lautmalerein“ antworten und sich freuen, wenn die Bezugspersonen zu und mit ihm spricht. Das ist der Anfang eine gelingenden Kommunikation und Beziehung!
Unsere besonderen Kinder reagieren oft auf Sprache langsamer und da besteht die Gefahr, dass wir entweder denken, „versteht sowieso nichts“, oder, dass wir zu schnell sind. Aber gerade deshalb ist diese Art der Kommunikation so wichtig. Der passive Wortschatz ist ja auch um vieles größer als der aktive und deshalb können wir auf kleine Zeichen achten, die uns zeigen, dass wir erstens verstanden wurden und zweitens, unser Kind große Freude hat am Kommunizieren.
Es ist zwar schon eine Weile her, aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sehr meine Tochter Sabrina (jetzt 14 Jahre alt) die Zeiten am Wickeltisch genossen hat. Sie ist an meinen Lippen gehangen und hat ganz viel geplaudert und auf ihre Art, mit mir gesprochen. Dass sie sich dabei verstanden gefühlt hat, hat sicher ihre Freude am Reden und Erzählen gefördert.
Wenn die Kinder älter werden ist es wichtig, dass wir nicht über sie hinweg reden, sondern MIT dem Kind sprechen. Dazu braucht es zuerst einen Kontakt. Wir gehen auf Augenhöhe und stellen fest, ob das Kind im Moment bereit ist und können nach dem ersten Blickkontakt, durch nennen des Namens, zu sprechen beginnen. So kann sich auch das Kind ernst genommen fühlen.
Ist es gerade vertieft, sollten wir nur dann stören, wenn es unbedingt notwendig ist. Durch das Spiel lernt das Kind alles. Wenn das Kind immer wieder aus dem Spiel gerissen wird, verliert es langsam die Lust daran. Das wäre sehr schade, denn dieses Vertiefen ist für das ganze Leben wichtig und nur so kann sich Ausdauer entwickeln.
Wenn das Kind bereit ist, dann kann ich zuerst an die letzte Tätigkeit des Kindes anknüpfen, indem ich beschreibe, was ich gerade gesehen habe, z.B.: „Jetzt bist Du mit dem Auto durch das ganze Zimmer gefahren!“ So habe ich auf jeden Fall die Aufmerksamkeit des Kindes.
Jetzt kann ich meine Botschaft anbringen, das Gespräch beginnen. Dabei wirken ICH-Botschaften d.h. „Ich will jetzt mit Dir in die Küche gehen. Ich habe gekocht und jetzt können wir essen!“ viel stärker als allgemeine Aussagen, die oft noch in der dritten Person gemacht werden. „Komm, es ist Zeit zum Essen, die Mama hat schon gekocht!“
Beim jungen Kind ergeben sich die meisten Kommunikationsmöglichkeiten in der Pflege. Das ist wickeln, füttern, an- und ausziehen, baden und waschen. Wenn wir diese Zeiten für diese beziehungsvolle Kommunikation nützen, ergeben sich daraus eine Reihe von Vorteilen:
Wenn Kinder und Eltern diese gemeinsamen Zeiten genießen können und sich beide dadurch emotional sättigen, ermöglicht das, dass sich beide danach selbst beschäftigen können. Das Kind hat Zeit zum Spielen, der Erwachsene kann etwas für sich tun oder anstehende Arbeiten erledigen. Das braucht es, meiner Meinung nach, ein paar Mal am Tag, um danach wieder freudig miteinander sein zu können. In dieser Zeit findet keine Kommunikation zwischen den beiden statt. Wenn doch, dann ist es wichtig darauf zu achten, dass auch hier die wichtigsten „Regeln“ (siehe oben) eingehalten werden.
Das kleine Kind, das noch nicht spricht, plaudert oft stundenlang vor sich hin und das ist gut so. Es übt, es ahmt die Großen nach, es ist auch ein Spiel, für sich alleine zu sprechen.
Kinder im Vorschulalter sprechen auch immer noch sehr gerne den ganzen Tag vor sich hin. Sie machen Rollenspiele und sprechen dabei laut die verschiedenen Rollen durch, verarbeiten die voran gegangenen Geschehnisse und sind dabei alleine zufrieden und glücklich.
Erst im Volksschulalter wird das alleine sprechen weniger, die Kinder gehen dazu über, diese Gespräche im Stillen zu machen, sie denken sich diese Dialoge.
Kinder mit Down-Syndrom beginnen meist erst später mit dem Sprechen und auch die lauten Selbstgespräche dauern viel länger an, als bei den anderen Kindern. Da kann ich aus meiner Erfahrung berichten, dass Sabrina immer noch laute Selbstgespräche führt. Spannend daran ist, dass ich dadurch erfahre, mit welchem Thema sie sich gerade beschäftigt. Sie verarbeitet dadurch schwierige Erlebnisse, unter anderem auch, wenn ich sie Mal nicht respektvoll behandelt habe.
Bei all diesen Selbstgesprächen ist gleich, dass es keine Notwendigkeit unsererseits gibt, mit zu reden oder das Kind dabei zu stören.
Viele Eltern versuchen ganz viel mit dem Kind (auch ohne DS) zu reden und hoffen dabei, dass die Kinder besser und schneller sprechen lernen. Wenn diese Kommunikation oder Dialoge in Beziehung stattfinden, dann ist das sicher ein großer Vorteil. Ich sehe aber keinen Vorteil darin, wenn mit dem spielenden Kind gesprochen wird, wenn wir immer wieder dazwischen sprechen oder uns ins Rollenspiel des Kindes sprachlich einbringen.
Das Kind verliert mit der Zeit die Fähigkeit sich alleine zu beschäftigen, bzw. entwickelt eine Gewohnheit, immer nur mit einem Erwachsenen zu spielen. Vielleicht sogar den Erwachsenen spielen zu lassen und dabei immer passiver zu werden.
Kinder lernen alles über das Spiel. Wenn wir einem frei spielenden Kind zuschauen, dann entdecken wir, dass es meist eine „Frage“ an das Spielzeug oder ans Spiel hat. Damit meine ich, es gibt ein Thema, mit dem sich das Kind beschäftigt. Das könnte z.B. sein, „Was passt wo hinein?“ Die Kinder in dieser Phase räumen ganz viel um, probieren ob der Ball in den Korb passt, verwenden viele Behälter (wenn verfügbar) und geben alles mögliche hinein, leeren es wieder aus und beginnen von vorne damit, Stunden- Tage- und Wochenlang.
Daraus ergibt sich für uns die Chance zu verstehen, womit sich unsere besonderen Kinder gerade beschäftigen, da die Entwicklung ja meist etwas langsamer abläuft und die „Norm“ nicht passt. Es ist ja eine wichtige Voraussetzung fürs Lernen, dass ich dort anknüpfe, wo das Kind steht, da die Neurobiologen schon wissen, dass neu Gelerntes nur dann behalten wird, wenn es an schon vorhandenem Wissen angebunden wird.
Diese Spiele könnten wir dem Kind nie anbieten. Wir kommen nicht auf die Idee, eine Stunde lang den gleichen Gegenstand in verschiedene Behälter zu halten, legen, werfen, raus nehmen, wieder hinein geben usw. Aber so funktioniert das Lernen! Um sich so vertiefen zu können braucht es einen weitgehend ruhigen „Arbeitsplatz“ das richtige Material und keine störenden Zwischengespräche. Dadurch entwickelt sich die Ausdauer und die Fähigkeit zu lernen.
Bei Sabrina konnte ich diese Fähigkeit sich „Neues zu erarbeiten“ schon von Anfang an beobachten und ich konnte auch viel über die Entwicklung allgemein lernen, da ihre Fortschritte viel langsamer waren, als bei meinem Sohn ohne DS. Vielleicht war es hilfreich, Sabrina in ihrem Tempo lernen zu lassen, ohne dass wir von ihr noch mehr und noch schnelleres Vorankommen gefordert haben. So hatte sie immer das Gefühl, das sie richtig ist und wir uns über ihre Fortschritte freuen. Das ist eine große Motivation weiter zu lernen.
Wenn das Kind sich mit dem Sprechen befassen soll, dann ist es gut, wenn wir auch dieses „Spiel“ ernst nehmen und in oben beschriebener Weise mit dem Kind sprechen und kommunizieren.
Bei Menschen mit dem gewissen Extra ist noch darauf zu achten, dass wir für die Antworten genug Zeit einräumen. Wenn das Kind nicht gleich antwortet, heißt das meistens nicht, dass es nicht verstanden hat, sondern dass es Zeit braucht, die Worte zu verdauen und Zeit braucht, eine Antwort zu formulieren. Oft passiert es, dass wir das gleiche wiederholen oder die Frage anders formuliert nachschieben. Das ist zu viel auf einmal und dadurch kann es sein, dass gar nichts verstanden wurde.
Auch das konnte ich bei meiner Tochter beobachten. Fremde Menschen wissen nicht, dass sie auf Sabrinas Antworten nur länger warten müssen, aber dass sie schon kommt. Meistens wird dann der letzte Satz wiederholt, Sabrina hört wieder zu, es könnte ja noch eine neue Information sein und dann beginnt wieder die Zeit, die sie fürs Antworten braucht usw.
Warum ist die beziehungsvolle Pflege beim kleinen Kind so wichtig?
Was lernt das Kind dadurch am Wickeltisch?
Durch das aufmerksame Zusammensein in der Pflege ergeben sich ganz viele Möglichkeiten, den Wortschatz des Kindes zu erweitern. Genauso wichtig finde ich, dass das Kind für seine Emotionen und Befindlichkeiten Worte bekommt. Dadurch kann sich das Kind gleich oder eben erst später ausdrücken, seine Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle anderen mitteilen. Je früher der Erwachsene mit der beschreibenden Sprache beginnt, umso mehr kann das Kind davon profitieren.
Elisabeth Salmhofer, Mutter von Sabrina und Dipl. Pikler®-Pädagogin